Das Musik 21 Festival wird in Kooperation mit den Göttinger Abenden Zeitgenössischer Musik am 9. September um 20 Uhr im WERKRAUM mit einem außergewöhnlichen Kammermusikprogramm eröffnet. Drei in Göttingen ansässige Musiker:innen – die Violinistin Seayoung Kim, der Klarinettist und Saxophonist Anton Säckl sowie der Kontrabassist Holger Michalski – präsentieren Werke von Frank Proto, Olivier Messiaen, Eric Galluzzo, Einar Englund, Hans Werner Henze und Bernd Schumann. Unter dem Motto »Modern Times 3.0« treten dabei drei Solowerke bedeutender Komponisten des 20. Jahrhunderts in einen spannenden Dialog mit drei Kammermusikwerken von zeitgenössischen Komponisten. Darunter befinden sich zwei eigens für diesen Anlass entstandene Trios von Bernd Schumann und Eric Galluzzo, die an diesem Abend ihre Uraufführung erleben werden.
Das Programm spannt einen Bogen von den stilprägenden Stimmen des 20. Jahrhunderts bis hin zu aktuellen Kompositionen und eröffnet vielfältige Perspektiven auf das solistische und kammermusikalische Musizieren unserer Zeit. Es entsteht ein abwechslungsreicher Konzertabend, der Bekanntes und Neues miteinander verbindet und die Vielfalt der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts eindrucksvoll erlebbar macht.
Eine Kooperation des Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik e.V. mit Musik 21 Niedersachsen (NGNM e.V.) Das Konzert wird gefördert von Musik 21 Niedersachsen (NGNM e.V.) und der Stiftung Niedersachsen.
Seayoung Kim, Violine
Anton Säckl, Klarinette/Saxophon
Holger Michalski, Kontrabass
Bernd Schumann, Projektleitung und Moderation
Frank Protos »Duo Nr. 1« für Violine und Kontrabass (1967, rev. 1974) zählt zu den anspruchsvollsten Werken seiner Besetzung. In vier kontrastreichen Sätzen verbindet es klassische Form mit Jazz, Improvisation und komplexer Rhythmik. Meditative Klangflächen, tänzerische Passagen und improvisatorische Kadenzen führen zu einem Finale, in dem sich die anfangs spannungsreiche Beziehung zwischen den beiden Instrumenten schließlich in einem gemeinsamen Schluss auflöst.
»Abîme des oiseaux« (»Abgrund der Vögel«) entstand 1940 während Olivier Messiaens Kriegsgefangenschaft und wurde zunächst als eigenständiges Klarinettensolo uraufgeführt, bevor es als dritter Satz in das berühmte »Quatuor pour la fin du temps« Eingang fand. Für Messiaen symbolisiert der „Abgrund“ die Last der Zeit, während die Vögel für Freiheit, Licht und Hoffnung stehen. Einsame Kantilenen, extreme Kontraste und Anklänge an Vogelgesang verleihen dem Werk seine eindringliche Ausdruckskraft.
Eric Galluzzos »Divertimento« entstand während seines Studiums für seine Schwester, eine Violinistin, und ihre beiden Mitbewohner am New England Conservatory – eine Klarinettistin und einen Posaunisten. Das einsätzige Werk ist, dem Titel entsprechend, von heiterem und spielerischem Charakter und wurde bislang nicht öffentlich aufgeführt. Im Februar 2026 bearbeitete Galluzzo das Stück auf Anfrage von Bernd Schumann speziell für dieses Konzert neu für die Besetzung Violine, Klarinette und Kontrabass.
»Arioso interrotto« entstand in Einar Englunds später Schaffensphase und zeigt seine Hinwendung zur Kammermusik. Das Werk verbindet ein ausdrucksvolles, gesangliches Arioso mit plötzlichen rhythmischen Unterbrechungen (interrotto). Der Kontrast zwischen weit gespannten Doppelgriffen und schroffen rhythmischen Impulsen vermittelt den Eindruck einer freien Improvisation, folgt jedoch einer klaren formalen Struktur. Englund gelingt es dabei, mit nur einem Soloinstrument eine beinahe orchestrale dramatische Wirkung zu entfalten.
Hans Werner Henzes »S. Biagio 9 Agosto ore 1207« für Kontrabass solo (1977) ist ein lyrisches und ausdrucksstarkes Werk, das die klanglichen Möglichkeiten des Instruments eindrucksvoll ausschöpft. Der Titel verweist auf den Tempel San Biagio im italienischen Montepulciano sowie auf ein Datum und eine Uhrzeit, deren genaue Bedeutung rätselhaft bleibt. Mit weit gespannten melodischen Linien, ganztonalen Passagen und einer großen Farbpalette vom tiefen, dunklen Klang bis zu fast flötenartigen Höhen entfaltet Henze den vokalen Charakter des Kontrabasses. Das als Erinnerung bezeichnete Stück wird häufig als Elegie verstanden – eine musikalische Reflexion über Verlust, Trauer, Akzeptanz und Transzendenz.
In Bernd Schumanns rhapsodischem Trio »Chamäleons« für Violine, Klarinette/Saxophon und Kontrabass ändert der Klarinettist/Saxophonist durch zahlreiche Instrumentenwechsel beständig die Klangfarbe und setzt dadurch immer neue musikalische Impulse. Die beiden ihn einrahmenden Streicher – Violine und Kontrabass – reagieren darauf, passen sich den wechselnden Charakteren an oder kommen den klanglichen Verwandlungen sogar zuvor. Wie Chamäleons verändern die Instrumente fortwährend ihre musikalische Gestalt – mal abrupt und unüberhörbar, mal durch langsame, subtile Veränderungen.
%20Lea%20Dietrich.jpg)
Anton Säckl wurde 1969 in Altötting/Bayern geboren. Bereits im Alter von 14 Jahren wird er am Mozarteum Salzburg als Jungstudent für Konzertfach Klarinette, Nebenfach Klavier, aufgenommen. Am Mozarteum absolviert er 1992 sein Konzertexamen mit Auszeichnung und vier Jahre später schließt er noch ein Instrumentalpädagogikdiplom an der MHS Detmold/Dortmund ab. Direkt danach bringt ihn ein Dreijahresvertrag beim Göttinger Symphonie Orchester in die Leinestadt, in der er seit 1996 lebt. Im Jahr 2000 wird er für »Pariser Leben« zum ersten Mal am Deutschen Theater Göttingen engagiert, an dem er seitdem als Reed-Bläser (Klarinetten/Saxophone/Flöten) in zahlreichen Produktionen mitwirkte, zuletzt in »America first«, »Frankie Boy«, »Lazarus«, »Woyzeck« und »Rocky Horror Show«. Weitere Engagements führen ihn an die Staatsoper in Braunschweig, das Theater für Niedersachsen/Hildesheim, Musica Viva/ Glocke Bremen und zu zahlreichen Solo- und Kammermusikauftritten. In den letzten Jahren ist er immer wieder als Theaterfotograf auch für das Deutsche Theater Göttingen tätig. Seine musikalische Leidenschaft gibt er an verschiedenen Göttinger Gymnasien als Instrumentallehrer weiter.
%20privat%20.jpg)
Seayoung Kim (*1988 in Songtan, Südkorea) studierte Violine an der Seoul National University sowie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover bei Prof. Ulf Schneider. Sie ist Preisträgerin zahlreicher internationaler Violinwettbewerbe und konzertierte als Solistin mit renommierten Orchestern in Europa. Seayoung Kim spielte eine Violine von Giovanni Grancino (Mailand, 1675) aus dem Deutschen Musikinstrumentenfonds und wurde mit dem Gerd-Bucerius-Stipendium der Deutschen Stiftung Musikleben ausgezeichnet. Seit 2018 ist Seayoung Kim 2. Konzertmeisterin des Göttinger Symphonieorchesters.
%20privat.jpg)
Holger Michalski absolvierte seine Kontrabass-Ausbildung bei Werner Schröder in Kassel und bei Klaus Trumpf in Berlin. Hinzu kamen Meisterkurse bei Klaus Trumpf und Gary Karr. Sein Faible für Jazz und Fusion bescherte ihm schon in jungen Jahren vielfältige Erfahrungen durch Konzerte und Schallplattenaufnahmen mit nationalen wie internationalen Jazzmusikern. Mit dem Göttinger Symphonieorchester, in dem er von 1983 bis 2024 tätig war, führte Holger Michalski als Solist Kontrabass-Konzerte von Giovanni Bottesini, Serge Koussevitzky und Nino Rota auf. 1991 wurde er Preisträger beim 1. Int. Kontrabass-Wettbewerb der »International Society of Bassists« in Mittenwald/Deutschland. Holger Michalski spielte mit namhaften Orchestern Konzerte in Europa, Südamerika, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Asien. Mit seinem 2005 gegründeten Blue Chamber Quartet nahm er drei international gewürdigte CDs auf. Er war zu Gast bei Kammermusikfestivals in Europa und er konzertierte regelmäßig mit Ensembles wie der Cappella Andrea Barca des Pianisten András Schiff. Mit seiner Ehefrau, der Konzertpianistin Julia Bartha, verbindet ihn eine rege Konzerttätigkeit – 2021 widmete der amerikanische Komponist Allen Shawn dem Künstlerpaar eine zweisätzige Komposition für Kontrabass und Klavier: »Aria Caprice«. Holger spielt einen Kontrabass von Antonio Pedrinelli (1781–1854, Crespano del Grappa)
%20Noreen%20Hirschfeld.jpg)
Bernd Schumann wurde 1979 in Chemnitz geboren und wuchs in Dresden auf. Von 1997 bis 2000 war er Mitglied der Komponistenklasse Halle-Dresden und erhielt Unterricht bei Uwe Krause und Silke Fraikin. Er absolvierte dann zunächst die Tonmeisterausbildung an der Hochschule für Musik in Detmold, studierte anschließend in Detmold, Bremen, Hamburg und Leipzig Komposition und Elektroakustische Musik, u.a. bei Prof. Martin Christoph Redel, Joachim Heintz und Prof. Ipke Starke, was er 2007 mit Diplom und 2012 mit Konzertexamen abschloss. Nach Stationen beim Es-Dur-Tonstudio in Hamburg und am Anhaltischen Theater in Dessau arbeitet er seit 2011 als Ton- und Videotechniker am Deutschen Theater Göttingen. Als Komponist ist er vor allem im Bereich der Instrumental-, live-elektronischen und akusmatischen Musik tätig, schreibt gelegentlich aber auch Musik zu Hörspielen, Theaterstücken und Experimentalfilmen. Seine Werke wurden bislang in mehreren europäischen Ländern, den USA, Mexiko und Russland aufgeführt. Er gewann mehrere internationale Preise, u.a. im Wettbewerb der Tschechischen Gesellschaft für Elektronische Musik, im InNova Musica Wettbewerb in Andorra und zuletzt in 2020 den Wettbewerb der Franz-Josef-Reinl-Stiftung in Österreich, zudem war er Kompositions-Stipendiat des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. 2017 gründete er die »Göttinger Abende Zeitgenössischer Musik«, eine Konzertreihe für Neue Musik, die er bis heute leitet.