Das Porträtkonzert versammelt sechs Werke für Streicher, darunter vier Uraufführungen. Im Mittelpunkt steht das neue Streichquartett »Voiceness«, ein Kompositionsauftrag von Musik 21, in dem Tomoya Yokokawa der Frage nachgeht, warum Musik und das Komponieren für ihn unverzichtbar sind.

Klang ist für Yokokawa nicht einfach eine Folge von Tönen, sondern ein Zustand, der aus einer inneren Stimme hervorgeht – ein Dialog des innersten Selbst mit dem Unsichtbaren. Er möchte Musik schreiben, die an Klänge erinnert, die die Welt vielleicht vergessen haben könnte. Wie jenes handgeschriebene Manuskript aus dem Jahr 2014, das er beim Ordnen seines Bücherregals wiederfand – und mit ihm jene Zeit. Das Stück »legno e crini« wird in diesem Konzert zum ersten Mal gespielt – zwölf Jahre später.

»Was sind das für Zeiten?« fragt das diesjährige Musik-21-Festival. Yokokawa antwortet nicht mit einem Argument, sondern mit Klang: mit seinem neuen Streichquartett.

Das Konzert wird ermöglicht durch ein Stipendium des Künstlerhof Schreyahn.

Programm, Besetzung und Werkeinführungen

Programm

The scent of autumn breeze für Viola solo (2014)

Stargaze für zwei Violinen (2015/2025, UA)
I. Stardust – II. Shooting star

Intersection für Streichquartett (2014/2017)

legno e crini für Violine solo (2014/2025, UA)

Baby’s breath für drei Violen (2021), Neufassung für Streichtrio (2026, UA)

Voiceness für Streichquartett (2026, UA, Kompositionsauftrag von Musik 21 Niedersachsen)

Mitwirkende

Tomoya Yokokawa, Komposition


Musiker:innen des Göttinger Symphonieorchesters

Natalia Scholz, Violine

Dmitri Feinschmidt, Violine

Yair Lantner, Viola

Vladislav Kozin, Violoncello

Werkeinführungen

»The scent of autumn breeze« für Viola solo (2014)

Duft und Klang sind beide unsichtbar, und doch sind sie zweifellos da und berühren unsere Sinne. Dieses Stück wurde von einem traditionellen japanischen Räucherwerk namens Jijū (侍従) angeregt. Sein Duft wird als etwas schwermütig und wehmütig beschrieben, wie der Wind in der Dämmerung eines Herbsttages. Ich wollte den Eindruck, den dieser Duft bei mir hinterlassen hat, und die Stimmung, die der Herbstwind hervorruft, in Musik ausdrücken.

»Stargaze« für zwei Violinen (2015/2025, UA)
I. Stardust
II. Shooting star

Dieses Werk wurde ursprünglich für Violine solo komponiert, für diese Aufführung jedoch neu für zwei Violinen bearbeitet. Ich wollte eine schimmernde Helligkeit erreichen, und einen Klang, der den ganzen Körper durchströmt. Ein einzelnes Instrument genügte dafür nicht. Erst im Zusammenspiel zweier Instrumente entsteht die vielschichtige Klangwelt, die ich suchte. Durch die Vielfalt der Harmonie und den vorwärtsdrängenden Schwung der Tremoli sollte ein reicherer, komplexerer Klang entstehen.

»Intersection« für Streichquartett (2014/2017)

Als ich dieses Stück schrieb, interessierte mich die Frage, wie sich eine „flächige Musik“ schreiben lässt – eine Musik, die weder auf der vertikalen Struktur der Harmonik noch auf der Unabhängigkeit der Linien im Kontrapunkt beruht. Deshalb stellte ich den Gedanken der Heterophonie in den Mittelpunkt: Linien, die einander kreuzen und sich dabei zu einem einzigen Faden verzwirnen. Ein Streichquartett eignet sich für diese Idee der Fläche gut, weil die Klangfarben einheitlich sind. Auch die Spieltechnik „Spazzolato“ (bei der der Bogen wie ein Besen über die Saite streicht), die im größten Teil des Stückes verwendet wird, verstärkt diese Gleichmäßigkeit. Während sich feine Tonhöhenveränderungen und rhythmische Verschiebungen ineinander verweben, gehen das Gleichgewicht und das Zeitgefühl verloren, und man wird vom Klang verschluckt.

»legno e crini« für Violine solo (2014/2025, UA)

Beim Ordnen meines Bücherregals fand ich ein handgeschriebenes Manuskript dieser Komposition. Soweit ich mich erinnere, entstand es vermutlich während der Darmstädter Ferienkurse im Jahr 2014. Damals wurde das Werk nicht aufgeführt; seine Uraufführung findet erst jetzt statt. Mich faszinierte damals besonders, wie sich die Klangfarbe verändert, je nachdem, an welcher Stelle der Bogenstock die Saite berührt. Der Klang des Holzes allein, der Klang, bei dem Holz und Bogenhaar zugleich die Saite berühren, und schließlich der Klang des Bogenhaars allein. Zwischen diesen drei Zuständen bewegt sich das Stück.

»Baby's breath« für drei Violen (2021), Neufassung für Streichtrio (2026, UA)

Dieses Werk wurde ursprünglich für das Bratschentrio Trio Estatico komponiert und für das Konzert zu einem Streichtrio umgearbeitet. Es entstand während der Pandemie – einer Zeit, die für mich eine große seelische Herausforderung war, in der ich aber auch getragen wurde. Aus diesem Gefühl stiller Dankbarkeit heraus habe ich das Stück geschrieben. Der Titel Baby's breath – auf Deutsch Schleierkraut – verweist auf die Blumensprache der Pflanze, die für Dankbarkeit und Glück steht.

»Voiceness« für Streichquartett (2026, UA), Kompositionsauftrag von Musik 21 Niedersachsen

Warum das Komponieren und das Hören von Musik für mich so wichtig sind – darauf hatte ich lange keine klare Antwort. Inzwischen bin ich mir aber sicher: sie sind für mich zum Leben unverzichtbar. Das intensive Hören, das Versinken in meine innere Welt während des Komponierens, das stille Nachdenken – all das ist für mich eine große Quelle des Trostes und der Heilung. Dabei habe ich gemerkt, dass die Stimme den Kern meiner Musik bildet. Die innere Stimme ist für mich der Weg in meine geistige Welt. Von der Stimme ausgehend werden die Töne gewählt, entsteht die Musik – als würde jemand oder etwas singen. Gemeint ist dabei nicht die konkrete Stimme, sondern die Stimme als umfassender und abstrakter Begriff. Gerade in einer Zeit wie dieser glaube ich an die Kraft der Musik. Und daran, dass dieses Stück selbst meine Rettung ist.

Biographien

Tomoya Yokokawa

© CAP Media

Tomoya Yokokawa studierte Komposition an der Tokyo Gakugei Universität, der Kunstuniversität Graz und der Universität der Künste Berlin. Zu seinen Lehrern zählten Elena Mendoza, Klaus Lang, Masahiro Yamauchi, Choji Kaneta und Miyuki Shiozaki. Er erhielt zahlreiche Stipendien, unter anderem vom Deutschen Musikrat, von DAAD und der Ad Infinitum Foundation sowie dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, das ihm 2023 einen sechsmonatigen Aufenthalt im Künstlerdorf Schreyahn ermöglichte.

Zu seinen Erfolgen zählen der 1. Preis beim internationalen Kompositionswettbewerb »Città di Udine« 2023 (Soloinstrumente) und beim Wettbewerb »Torre della Quarda« 2018 (Kammermusik). 2023 war er zudem Finalist beim Claussen-Simon-Kompositionspreis. Komponieren ist für Yokokawa ein Dialog des innersten Selbst mit dem Unsichtbaren - ein spiritueller und mystischer Prozess, der den Kern seiner Musik bildet. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung der traditionellen japanischen Musik für ihn: Seine erste Oper »Konjiki Yasha« (»Der goldene Dämon«), deren Musiksprache vom Nō-Theater inspiriert ist, wurde 2018 an der Oper Graz uraufgeführt. 2026 folgte am Mitsukoshi-Theater in Tokio die Uraufführung von »Star picking«, einem Werk für das traditionelle japanische Hoforchester Gagaku-Musik, die an Klänge erinnern möchte, die die Welt vielleicht vergessen haben könnte.